
Nachdem das Buch Seelenficker von furchtlos empfohlen wurde, habe ich mich in den Kommentaren zunächst sehr wohlwollend zu dem Buch geäußert. Inzwischen habe ich das Buch gekauft und gelesen.
Resumée: Den Preis nicht wert!
Rahmeninformationen: Das Buch hat 101 Seiten Story, die aus Tagebucheinträgen von „Natascha“ in 7 Kapiteln zusammengetragen wurden. Ergänzt wird das Buch durch ein Nachwort und diverse Füllseiten, die dafür sorgen, dass das Buch unterm Stricht 126 Seiten beherbergt. Preis: 9,95 Euro
Inhalt laut Klappentext: „Intensiv, offen und schockierend. Mit einer sensiblen Sicht für ihr eigenes Leben und die Dinge um sie herum, schildert die junge Autorin ihr Leben zwischen Drogen, Gewalt, Kinderstrich und ihren Träumen. Ihre Unbefangenheit und ihre einzigartige Art, Dinge beim Namen zu nennen, machen ihre eigenen Narben zu den zeichen der Verletzung einer ganzen Gesellschaft.“
Meine Meinung:
Eine 90-Minuten-Lektüre – und ich lese schon nicht schnell. Die junge Autorin hat was mitgemacht – keine Frage. Vier Jahre Babystrich offenbaren einfach den Abschaum unserer Gesellschaft. Es ist gut und wichtig, dass es zeitnahe Veröffentlichungen zu diesem Thema gibt. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hat erschreckenderweise nicht an Aktualität verloren – ist aber der Schocker einer anderen Generation gewesen.
Ich glaube nicht, dass das besprochene Buch den gleichen Schock-Effekt auslösen kann. Hier werden Aufzeichnungen zusammengefügt (die Lektoren sagen, man habe nur im Sinne der Chronologie „bearbeitet“), die dann auch auf 40 Seiten Platz gefunden hätten. Aber dann wäre es ja kein Buch mehr gewesen.
Das Buch hat an einigen markanten Stellen die wünschenswerte Authentizität. Die Protagonistin nimmt Teil an an den Sex-Phantasien ihrer Freier, um das Geld für ihre Drogen zu verdienen, die sie wiederum dazu befähigen, dem Dreck überhaupt stand zu halten. Hier gibt es drei, vier ausführlich geschilderte Szenen, die Nahe gehen. Ein Freier, der sie für eine Stunde bucht und in dieser Stunde eine Vergewaltigung praktiziert und nach Erreichen der gebuchten Zeit lapidar einen Kaffee anbietet, ein Freier, der mit seinem Feuerzeug ihre Vagina verbrennt, Szenen ihrer Stiefväter usw.
Klar ist das krass. Absolut. Der Leser muß allerdings im Hinterkopf behalten, dass es sich um eine Minderjährige handelt. Andernfalls findet man sich oftmals einfach im Jargon wieder. Mich schocken keine Begriffe, wie Hure, Fotze, Schwanz, schlucken, ficken usw. – das sind nunmal Begriffe, die ich in dem Umfeld auch erwarte. Und hier sehe ich auch die Gefahr. Es gibt Buchhändler (u.a. Amazon!!!), die das Buch unter „Erotik“ anbieten. Vergisst man das Alter der Autorin, könnten sich einige Menschen auch noch an den Geschichten aufgeilen.
Nein, für ein eigenständiges Buch ist es zu wenig an Story. Hier hätte man das Werk entweder als Tagebuch stehen lassen müssen oder mehr Inhalt gebraucht, um ein Buch daraus machen zu können. Stattdessen lese ich immer und immer wieder die gleichen Floskeln, die wie ein Mantra auf mich wirken: Crystal hat diese Wirkung – Heroin hat diese Wirkung – in Kombination wirken so oder so. Ich ficke um an Geld zu kommen, Geld bringt mir Drogen, mit Drogen kann ich ficken. Und das immer und immer wieder. Seitenlang. Ich hatte es beim ersten Lesen verstanden – ich muß es nicht 12 mal lesen. Irgendwann gewinnt man den Eindruck, dass hier Seiten gefüllt werden.
Im Nachwort schreiben die Verleger Andreas Köglowitz und Andreas Reichardt, dass ihnen klar sei, „dass dieser Text, besonders in Verbindung mit Thomas van de Schecks provozierender Umschlagfotografie, mehr als nur polarisieren wird“. Au contrair! Ich habe nach Lesen des Buches den schalen Beigeschmack, dass das ausschließlich polarisieren soll! Das ganze Nachwort ist für mich eine Entschuldigung an den Leser. Ich frage mich, wie man so selbsterklärte ehrenhafte Absichten aus dem Nachwort in Einklang bringen kann mit dem Verkaufspreis, der ganzen Werbung für den Verlag hinter dem Nachwort und der Umschlagsfotografie. und der Einsortierung im Bereich „Erotik“ bei Amazon (ich nehme die letzte Aussage zurück, wenn die Verleger bei Amazon dagegen protestiert haben – wovon ich nicht ausgehe).
Pluspunkt für das Thema, Mitleid mit der Autorin, aber viele, viele Minuspunkte für das Buch an sich. Ich werfe dem Verlag sogar vor, sich an dem Thema zu bereichern. Wollte man hier nur aufklären, läge der Preis für dieses Buch bei maximal 4,95 Euro. Zusammen mit der Aufbereitung etc. kriege ich Magenschmerzen.
Keine Empfehlung von mir.
geldmache, oder?
Ja, das ist mein Resumée. In einem anderen Umfeld der Veröffentlichung hätte ich den Text hoch gelobt. Ehrlich!
Hallo.
Leider kann ich Deine Rezension nicht unkommentiert so stehen lassen, denn sie ist in einigen Punkten verletzend und schlicht falsch. Zum einen haben wir durchaus gegen die Einordnung im Feld ‘Erotik’ protestiert, aber leider nimmt Amazon das Buch immer wieder in diese Rubrik auf (was in meinen Augen ganz deutlich zeigt, wie unsere Gesellschaft wirklich tickt!), aber auch andere Buchhandlungen folgen diesem Schema.
Und ja, leider ist zu befürchten, dass Leute, die sich das Buch aufgrund dieser Einordnung kaufen, tatsächlich gut finden, was sie da lesen. Auch das ist ein Zeichen für den Stand und die Akzeptanz von Kinderprostitution in Deutschland.
Aber ich frage mich, wie Du Dir das Recht heraus nimmst, bestimmen zu wollen, was dieses Buch kosten soll. Ganz ehrlich! Glaubst Du, ein großer Verlag hätte dieses Thema, zig Jahre nach Christiane F. noch einmal aufgegriffen?
Ubooks ist ein kleiner Verlag und wir müssen mit unseren Mitteln haushalten. Kleinere Auflagen bedeuten höhere Preise. Und jeder, der dagegen ist, kann ja gerne die Bücher der großen Verlage kaufen und dafür sorgen, dass Themen, die anecken langsam aber sicher verschwinden und stattdessen mehr Dieter Bohlen Biografien veröffentlicht werden.
Ja, ich bin in diesem Fall erbost, denn mir selbst ging das Schicksal der Autorin sehr, sehr nahe und es hat mich über Jahre beschäftigt, beschäftigt mich immer noch. Das schlimme ist: Sie ist kein Einzelfall, höchstens in der Tatsache, dass sie es geschafft hat, dem Sumpf zu entkommen.
Und gerne urteilen Menschen, umgeben von ihrem selbstgerechten Wohlstand über andere. Ich nehme mich da nicht einmal aus. Aber ich versuche, die Dinge auch mit anderen Augen zu sehen.
Und vielleicht noch ein letzter Punkt in Bezug auf die ‘Wiederholungen’ und Deine Magenschmerzen: Ist jemand abhängig von Drogen und in einem Teufelskreis wie dem der Drogen- und Kinderprostitution gibt es kaum andere Themen, als die Drogen. Dass ihr Gehirn beinahe ausschließlich um den Stoff kreist ist traurig genug und ich bin der Meinung, man muss dies klar herausstellen, um den Menschen zu zeigen, dass die meisten sich aus eigener Kraft eben nicht aus diesem Sumpf befreien können!
Und wenn es Dich vielleicht etwas beruhigt: Ein guter Teil der Einnahmen aus dem Buch kommt der Autorin und anderen Opfern zugute.
Ich hoffe, Du nimmst mir die offene und ehrliche Stellungnahme nicht übel!
LG,
Andreas Reichardt
Hallo Andreas,
ich nehme Dir Deine offene Stellungnahme überhaupt nicht übel. Ich bin kritikfähig und werde auch gerne ein paar weitergehende Worte dazu aufschreiben.
Ich steige mal dort ein, wo Du Kritik äußerst.
Ich habe deutlich gemacht, dass ich das Buch aufgrund der von mir genannten Kritikpunkte als kommerzielle Veröffentlichung werte. Und in diesem Rahmen setze ich dann auch die entsprechenden Maßstäbe an. Ich kann ich mich nicht an ein Buch mit 100 Seiten erinnern, das 10 Euro gekostet hat und keine Fachliteratur war.
Ich glaube schon, dass ein großer Verlag sich dieses Themas ebenfalls annähme – wenn es eine Geschichte mit ähnlicher Dichte ist, wie z.B. Christiane F. Aber unabhängig davon, lasse ich das Argument des kleinen Verlages nur bedingt gelten. Weißt Du, ich kannte und kenne einige kleine Plattenlabels. Die können eine 6-Track-EP auch nicht für 30,00 Euro auf den Markt werfen – im Gegenteil. Dort wird die Preisschraube meist sogar noch nach unten bewegt. Da sind teilweise Idealisten am Werk. Dass das aber nicht Sinn und Zweck eines Verlages ist, ist mir auch bewusst. Nur wenn ihr euch im Nachwort aufschwingt, euch geradezu berufen gefühlt zu haben, das Thema zu machen, dann seid ihr aus meiner Sicht auch dafür verantwortlich, auf welche Art und Weise das passiert. Durch die Aufmachung, die Entscheidung, den Tagebuchcharacter nicht zu nutzen und die Preisgestaltung, habt ihr euch für mich angreifbar gemacht.
Ich habe zwei Tage lang darüber nachgedacht, ob ich dieses Buch überhaupt rezensieren soll, denn ich werde der Autorin mit meiner Kritik natürlich nicht gerecht. Und hier möchte ich auch betonen, dass sich meine Kritik fast ausschließlich gegen die Aufbereitung des Themas richtet. Und unterm Strich ist das einfach an mehreren Stellen daneben gegangen. Es gibt einen tiefen Graben zwischen den formulierten Ansprüchen und der harten Realität des Preises, der Art der Gestaltung und der Art der Vermarktung. Das ist Kritik, die ich so äußern können muß.
LG, Nils
Einem kleinen Verlag darf ich zugestehen, ein Buch für nen 10er anzubieten. Ich habe mir schon angehört, dass ein 150-Seiten-DIN A6-Fachbüchlein wegen dieverser Ursachen 40.- Euro kostet, Und habe es gekauft. Man muss ja nicht. Im Buchhandel kann man reinschauen, wenn der Verlag es in den Buchhandel schafft. Ansonsten: die Autorin bekommt besseres Geld, hoffentlich reicht’s für eine Entziehungskur. Dass der Text etwas einseitig ist, darauf hätte ich gewettet. Der Titel lässt kaum anderes zu.
Ich habe das Buch nicht gelesen, aber der Hauptkritikpunkt scheint das Nachwort und die Aufmachung zu sein. Da empfehle ich doch mal eine Neuauflage …
Den großen Anschiss sollte aber von allen Seiten Amazon bekommen! Demnächst landen Berichte über Tiermisshandlungen noch unter „Hobbies“.
hey Leser,
Ich persönlich finde die Aufmachung im Zusammenhang mit dem Cover zu reißerisch…
Der Preis ist meiner Meinung nach akzeptabel…
Mich hat das Buch schockiert und zum Nachdenken angeregt…
Es ist schonungslos Offen, stellt aber realitäts nah den Abschaum unserer Geselltschaft da.
lg