Ihr kennt doch sicher Läden, von denen man weiß, dass man sie besser nicht nüchtern betreten sollte, oder? Das ehem. Spektrum hier in Castrop-Rauxel war zum Beispiel so ein Laden. Da war ich einmal nüchtern dabei und das sollte mir nie wieder passieren – ist es auch nicht.
Dann haben wir hier in Castrop auch noch das Hell’s Kitchen. Eine Kneipe mit Historie, allerdings in den letzten Jahren auch mit einer zweifelhaften Vergangenheit. Nachdem sich da lange braunes Volk breit gemacht hatte, hat der aktuelle Betreiber zumindest soweit ausgefiltert, dass das tiefbraune Gesocks raus ist. Und trotzdem: Was sich da abends versammelt, sind gescheiterte Existenzen und Menschen auf der Suche nach Alkohol zu unchristlichen Uhrzeiten, die woanders nichts mehr bekommen.
Zu letzteren gehörten FrauJPunkt und ich letztens. Unsere Schicht war vorbei, wir waren fast noch nüchtern, aber nicht totzukriegen. Also: Ab ins Hell’s Kitchen. Da tobte um 3:15 Uhr halt noch der Bär.
Doch schon auf den ersten Blick sah man, dass sich hier wieder einmal keine homogene Mischung gebildet hatte. Ein paar Gestalten, die dem eher rechten Spektrum zuzuordnen waren gleich am Eingang, ein vom sehen & sprechen entfernt Bekannter am anderen Ende des Tresens, dazwischen Prollvolk zwischen 18 und 25 Jahren. Und dann waren da noch vier normale junge Menschen, die sichtlich irritiert und wortkarg lethargisch auf die Szenerie schauten und wohl auch nicht genau wußten, warum sie noch da sind.
Musikalisch bewegte man sich zwischen den Onkelz und den 80ern – in einer Lautstärke, die normale Gespräche eigentlich unmöglich macht.
FrauJPunkt und ich setzten uns zu dem entfernten Bekannten und wir bestellten erstmal zwei Krefelder. Mit Weißweinschorle bin ich durch in dem Laden – die kann man da nicht trinken. Nachdem wir unsere Schicht nochmal haben revue passieren lassen, ergab sich eine Gesprächspause, in der ich mich nochmal genauer umsah.
Dabei rundete sich das Bild noch mehr ab, denn plötzlich fiel mir auf, warum der Kollege neben uns außer der Begrüßung noch kein Wort gesprochen hatte: stark erweiterte Pupillen und ein voller Deckel. Da waren also wohl Drogen und Drogen im Spiel. Nach 20 Sekunden Studium seines Zustandes war mir klar: Der hat bereits sämtliche Hilfsenergie auf die Lebenserhaltungssysteme geleitet und die Hüllenintegrität lag bereits bei 25% – Tendenz: stark sinkend. Der Alkoholkonsum war wie ein Borg-Kubus, der bereits mächtig graue Zellen assimilierte – die Drogen metzelten derweil wie Klingonen mit ihren Bathleths ganze Nervenstränge nieder.
Mein Blick streift weiter am Tresen entlang: Neben mir FrauJPunkt, Mr. Drogen&Drogen, Proll, Proll, Vollproll, Vollproletin, die vier irritierten “Normalos” und dann das nächste bekannte Gesicht: Der Bruder eines Kollegen, der mich auch stets in der Stadt grüßt und mit dem ich auch mal Smalltalk halte. Der war ebenfalls schon zwischen Gut & Böse – sah mich aber auch und erwiderte meinen Gruß. Grüßen alleine reicht aber nicht – er wollte kommunizieren. Über 5 Meter, quer über die Theke bei einer Lautstärke, die das Gespräch mit dem Sitznachbar schon schwer gestaltet.
Er hielt ein paar Finger in die Luft, pustete seine Backen auf und sah durch seine eh schon eher tonnenförmige Gestalt in diesem Moment aus, wie Samson auf Drogen. Wahrscheinlich war unter seinen Worten in unsere Richtung auch das Wort “Tiffy” enthalten.
Nachdem FrauJPunkt mitbekam, dass die Kommunikation zwischen ihm und mir nicht wirklich stattfindet, übersetzte sie: “Er meint: der erste von 4 Tagen!”.
Achja – das macht sogar Sinn: Unser Stadtfest hat begonnen. Vier Tage Ausnahmezustand standen vor uns. Stress, Dienstleistung, Menschen, die bereits mittags dem Alkohol fröhnen.
Ich nickte anerkennend zurück und prostete ihm mit meinem Krefelder zu. Samson nickte zufrieden zurück und nahm auch einen Schluck.
Bevor ich mich weiter umsah, bestellte ich FrauJPunkt und mir je einen Ouzo. Wir mussten dringend aufholen, um hier bestehen zu können. Der Ouzo kam, war Wärmflaschenwarm und nicht “für meine guten Freunde”. Nichtmal den Schnaps kann man hier trinken.
Egal, mein Blick setzte bei Samson wieder an und erfasste die nächsten Personen entlang des Rundtresens: Proll, Proll, Vollproll und dann eine Gestalt – geschätzte 18 Jahre jung – die bereits das Gesicht auf der Theke abgelegt hatte. Offensichtlich unfähig, aufzustehen, zu reden oder sonstig zu agieren. Auf seiner Schulter eine Hand, die zu K.-H. gehört, der zu späterer Stunde durchaus mal seine Suche nach körperlicher Nähe gleichgeschlechtlicher Art intensiviert. Dass das ausgewählte Ziel zu sexueller Interaktion nicht mehr groß in der Lage sein wird, wurde klar, als er den Kopf hob und sich Speichelfäden zwischen ihm und dem Tresen bildeten. Wobei ihn das nicht davon abhielt, sich erst von den Fäden zu lösen und dann noch einen Schluck Bier zu sich zu nehmen, bevor der – offenbar tonnenschwere – Kopf wieder seine Position auf dem Hartholz fand.
Zeit zu gehen! FrauJPunkt und ich waren uns einig: Nicht totzukriegen zu sein ist eine Sache – das Publikum an diesem Abend nochmal eine andere. Vernunftentscheidung: Krefelder stürzen, zahlen und abhauen.
Gesagt, getan…
Oh mein Gott! War bestimmt ein “toller” Abend.
Ja, manche Schuppen kann man ab gewisser Stunde nicht mehr betreten…
der Schuppen geht eigentlich nie, Aber ab und zu hat man halt noch spät Durst.
… ist natürlich ein Argument! ^^
Aus alkoholischer Selbüberschätzung hat es mich dort gestern Nacht auch noch kurz hin verschlagen. Es dauerter keine 20 Minuten das es zu ersten Handgreiflichkeiten kam… Buisness as usual.